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Jangk ens noh de Jüdtejaß
Geschrieben von: Franz Felix Schüller   

Ein ganz persönlicher Kommentar

„Jangk ens noh de Jüdtejaß!“, hörte ich als Kind sehr oft, denn in der Judengasse lag eine Reihe von Geschäften und dorthin wurde ich mit dieser Einleitung zum Einkaufen geschickt. Mein alter Freund Günter Sauer wohnte selbstverständlich „en de Jüdtejaß“. Ich kann mich wirklich nicht erinnern, dass jemand den Namen „Klosterstraße“ verwendete. Man ging „noh de Jüdtejaß“, „noh de Mauejaß“, „noh de Eech“, „noh Klee(n) Jülich“ und scherte sich – ehrlich gesagt – einen Dreck darum, wie die Straßen offiziell hießen.

Der untere Teil des Marktes hieß „Schohmaat“ (Schuhmarkt) und der obere zur besseren Unterscheidung „Vehmaat“ (Viehmarkt). Und der „Vehmaat“ und „de Jüdtejaß“ passten auch gut zusammen, denn „Jüdt“ bedeutet im hiesigen Dialekt auch „Viehhändler“. Der „Viehmarkt“ und „Die Viehhändlergasse“, im Dialekt passt(e) das immer gut zusammen. Und was die Siedlungsgeschichte betrifft, haben diese Dialektbezeichnungen höchstwahrscheinlich die historische Wahrheit auf ihrer Seite.
Der erste Rödinger Geschichtsverein (gegründet 1921) kam in den 1920er Jahren auf die abstruse Idee, in Franz Agricola „den berühmtesten und bedeutendsten Rödinger in der Geschichte“ zu sehen und wollte ihm unbedingt ein Denkmal setzen. Also nahm man den oberen (oder unteren, je nach Sichtweise) Teil der Judengasse und taufte ihn in „Agricolastraße“ um. Die Anwohner wollten natürlich lieber weiter in der Judengasse wohnen bleiben und die Bezeichnung „Agricolastraße“ kam ihnen seltsam vor, aber was konnten sie machen? Der Pfarrer war eines der aktivsten Mitglieder des Geschichtsvereins und setzte sich mit aller Macht seines Amtes für die Umbenennung ein und machte die Leute mundtot.
Die Nazis wollten nun – aus Antisemitismus – auch die „Restjudengasse“ nicht mehr, um alles jüdische aus der Ortsgeschichte zu tilgen, und änderten den Namen in „Klosterstraße“. So ging es vielen „Judengassen“ und „Judenstraßen“ in Deutschland. Sie wurden von den Nazis umbenannt.
Diese Geschichtsfälschungen wurden oft nach dem Krieg rückgängig gemacht, aber nicht selten unterblieb auch die Rückbesinnung auf die historische Wahrheit. So auch in Rödingen! Das lag (und liegt) an fehlendem Geschichtsbewusstsein, an fehlendem Unrechtsbewusstsein und an mangelnder Empathie. Aber auch an einer anderen Tatsache: Die Nazi-Herrschaft endete 1945, aber nicht in den Köpfen so mancher Menschen. Antisemitismus lebt(e) weiter. Bis heute? Bis heute!
Ganz offen traut man sich freilich nicht mehr, die alten antisemitischen Parolen zum Besten zu geben.
Forderte man heute, dass die Judengasse wieder ihren – historisch betrachtet – „wahren Namen“ erhalten soll, höre ich schon manche Politiker einwenden: „Aber die Leute haben sich mittlerweile an die Namen „Klosterstraße“ und „Agricolastraße“ gewöhnt.“ Schön, wenn das so einfach geht, werden sie sich auch leicht wieder umgewöhnen. „Für die Leute bringt eine Umbenennung eine Menge an bürokratischer Belastung.“ Warum eigentlich? 20 Jahre lang könnten die Straßen – ohne Probleme – einen Doppelnamen führen: „Judengasse/Klosterstraße“ und „Judengasse/Agricolastraße“.
Das entschärft die „bürokratische Belastung“ erheblich. „Eine Rückbenennung ist für die Gemeinde mit Kosten verbunden.“ Da lachen ja die Hühner. Man verweist auf (im Vergleich) minimale Kosten, wo man sonst für teure Bauten und Umbauten das Geld aus dem Fenster schippt.
Und all dies werden Politiker sagen, die doch sonst so gerne Straßen neu benennen. Vorzugsweise nach ihresgleichen. So könnten der Gemeinde eine „Willi-Korrumpel-Straße“ drohen oder ein „Josef-Haselmaus-Weg“ in Erinnerung an verdiente Politiker, die sich angeblich für die Bürgerschaft aufgeopfert und zu Tode geschuftet haben. Aber im Falle der Judengasse wird es eine Reihe von „sachlichen Einwänden“ geben, die alle keine wirklichen Gründe sind. Nichts als vorgeschobene Gründe, nur um das Kind nicht beim Namen nennen zu müssen.
In alten Zeiten dachte man manchmal vollkommen anders als heute und ging bisweilen unkompliziert mit den Dingen um. 1461 vertrieben die intoleranten Jülicher Landesherren alle Juden aus ihrem Staat. Für rund 200 Jahre waren die Juden im Herzogtum Jülich unerwünscht. Die Rödinger Judengasse behielt dennoch ihren Namen. Altes Recht und alter Brauch wurden respektiert. Und soweit wir die Dinge zurückverfolgen können, wohnten in der Judengasse immer überwiegend Christen und meistens sogar überhaupt keine Juden. Kein Mensch sah allerdings darin einen Grund, die „Judengasse“ umzubenennen. Das blieb dem ach so „toleranten“ und „aufgeklärten“ 20. Jahrhundert vorbehalten.
Ich betrachte die Angelegenheit um die Judengasse als Historiker. Klar. Naturgemäß gehe ich nicht davon aus, dass alle Menschen das so oder so ähnlich sehen. Vielleicht kann das sogar nur eine Minderheit. Ich will den Menschen auch garnichts diktieren und aufnötigen. Ich mache lediglich den Versuch, sie zu überzeugen. Noch einmal: Jahrhundertelang wohnten Rödinger in der Judengasse. Sie waren in der Regel Nichtjuden. Sie hatten keinerlei Probleme damit in der Judengasse zu wohnen. Sie waren sogar stolz darauf. Die Rödinger Judengasse war das beliebteste Rödinger Postkartenmotiv. Dies sollte man sich klarmachen!
Gegen die Bezeichnung „Agricolastraße“ konnten sich die Bewohner nicht so recht wehren, da insbesondere der Pfarrer, aber auch Bürgermeister und Lehrer, also die Autoritäten des Dorfes, sie vehement forderten. Und aufgezwungen wurde den Rödingern der Name „Klosterstraße“ durch die braunen Machthaber. So sieht die historische Wahrheit aus!
Deshalb heute keine Nötigung, kein Zwang in dieser Sache. Aber die Diskussion, die es lebhaft, durchaus kontrovers und damit interessant innerhalb der Historetten gegeben hat, möchten wir – und damit spreche ich für alle – in die Bevölkerung tragen. Sie sollte nur offen und ehrlich geführt werden.

 

Zuletzt aktualisiert am Sonntag, den 18. November 2012 um 13:10 Uhr
 
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