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Brief an Leyden - Auzug der Bilche
Geschrieben von: Peter Bittner   

Rödingen, im August 2009*


Der Auszug der Bilche

Leev Delft,

habe endlich wieder etwas Zeit für Dich.. Ich hatte Dir doch geschrieben, dass wir unsere neue Nr. (die 4.) unserer „Rödinger Historetten“ vorbereiten. Sie ist inzwischen erschienen und mir scheint sie auch eine gelungene Ausgabe.
Doch wunderliches tut sich im Dorf. Da meldet sich doch die Versammlung der Bilche, (musste ich auch nachgucken. Das sind u.a. die Siebenschläfer, die Gartenschläfer und die Haselmäuse), und kündigen ihren Auszug aus Rödingen an. Nachstehend einige Auszüge:

„…Uns reicht es. Ihr habt uns gemästet. Gekocht, mit Honig übergossen und mit Mohnsamen bestreut gegessen. Ihr habt mit unseren Fellen Eure Kragen geschmückt. Ihr habt mit unserem Fett die Frostbeulen an Euren Füßen behandelt. Ihr habt unseren Lebensraum mit Pflug und Giftspritze eingeengt. Das mag ja unser Schicksal sein. Unsere Zeit scheint zu Ende zu gehen. Aber Euch reicht das ja nicht.
Jetzt werden wir auch noch verglichen, mit Euresgleichen!  Das ist zu viel, wir wollen nicht länger, wir können nicht länger. Die Versammlung der Bilche hat den Auszug aus Rödingen beschlossen !...

Du magst Dir die Augen reiben, aber nun ja, ich kann Sie verstehen.

Du kennst jetzt nicht den Hintergrund und deshalb die ganze Geschichte von Anfang an. Das Heft lege ich Dir natürlich auch bei.

Wie oben gesagt, unser Historetten Heft ward fertig. Wir haben die Rödinger Bevölkerung zur Vorstellung des Heftes auf einen Dämmerschoppen im Versammlungslokal des Geschichtsvereins im „Kapellchen“ eingeladen. Ebenfalls vertreten war eine Reporterin der Jülicher Lokalredaktion unserer Tageszeitung.
Diese Versammlung verlief recht harmonisch, wie haben das Heft vorgestellt und unser nächsten Projekt besprochen. Es wurde fotografiert und alles schien recht harmonisch.
Und jetzt kommt der Stein des Anstoßes. Die Ausgabe enthält einen Artikel vom Franz Felix über unseren derzeitigen Bürgermeister. Dazu später mehr.
Die Woche drauf im Lokalteil der Presse einen Artikel über unser neues Heft. Unsere Arbeit fand durchaus seine Würdigung und in einem Nebensatz der Hinweis auf den Artikel vom Franz mit dem Vermerk das wir uns in dieser Historettenausgabe wohl erstmals auch zur Tagespolitik äußern würden. Was nicht stimmt aber auch nicht so wichtig ist. Soweit noch alles gut. Jetzt gibt es im Lokalteil eine tägliche Kolumne, jeweils mit Julia oder Julia unterzeichnet, indem die jeweiligen ReporterInnen ihre Meinung zu einem beliebigen Thema äußern. Du ahnst es schon, in der gleichen Ausgabe wie der Artikel über die Vorstellung in der erwähnte Kolumne ein Verriss des Beitrages von Franz über unseren Bürgermeister. Nach Julias Meinung ein Beitrag der  Unter die Gürtellinie geht, eine persönliche Abrechnung und dergleichen. Kein Problem - ist ja Julias persönliche Meinung - und über den Beitrag kann man sich streiten. Was allerdings Egon Erwin Kisch in seinem Grab zum rotieren bringt - abschließend äußert sie ihr Unverständnis darüber, dass der Vorstand des Geschichtsvereins seiner Verpflichtung nicht nachgekommen ist nämlich einzuschreiten und den Abdruck des Beitrages  zu verhindern.  Ja liebe Zensur - wo leben wir denn. Zum Glück sind wir eigenständig! Aber auch wenn dem nicht so wäre - wir sind doch keine Auftragsschreiber und zu gängelnde Schmierfinken. denen man zensierend zur Seiten stehen muss.

Mit erscheinen des Kommentars, wir nähern uns langsam dem Höhepunkt, wird es jetzt richtig spannend; so richtig deutsch, so richtig Provinz, so richtig schwarz. Zum Glück war mein Telefon kaputt und ich brauchte mich nicht am Telefon beschimpfen zu lassen, die anderen Autoren hatten dieses Glück nicht.
Tage darauf ein Leserbrief. Das Trio Infernale der hiesigen CDU meldet sich zu Wort - Ihr Urteil ebenso vernichtend - Übrigens die gleichen Herren die unlängst einen bemerkenswerten Artikel aus der genannten Zeitung kopiert haben, ihn mit Urlaubsgrüßen und ihrer Unterschrift verziert haben und ihn im ganzen Dort an die Haushalte verteilt haben. Dazu fiel mir ganz spontan nur ein, wie ärmlich, wie erbärmlich. Was mich bei diesem Artikel aufregte in Kurzform gebracht ist die Schilderung einer Ratssitzung wo im öffentlichen Teil der gelassene Bürgermeister und seine wackere Partei souverän den empörenden Anfeindungen der Bürger speziell aus Höllen ruhig entgegentritt. Diesen mit Sachverstand und Kompetenz versucht das Unrecht ihres Anliegens klarzumachen und nicht wie der Autor lobend zu erwähnen weiß die Bürger vor die Tür gesetzt hat.
Du ahnst es, es geht natürlich um die Straßensanierung in Höllen. Obwohl diese Menschen solange verarscht worden sind, Zorn und Unverständnis sehr verständlich wäre, muss es sich wohl bei der Schilderung der Sitzung um eine andere Veranstaltung gehandelt haben, denn anwesenden Bürger haben ein ganz anderes Bild vom verlauf wahrgenommen. Aber genug das ist ja eigentlichen auch ein ganz anderes Thema. Für unser Trio Infernale also Grund genug diesen vermeintlich Sieg über das Volk, den großen Lümmel, mittels des Verteilens des kopierten Artikels auch entsprechend zu würdigen. Ich weiß, der alte Heinrich Heine hat damals schon die richtigen Worte gefunden. Uns zur Freude am Schluss vom Brief noch einmal „Krähwinkels Schreckenstage“.
Zurück zu unserer Historette. Du merkst da entwickelte sich eine eigene Dynamik. Zwischenzeitliche Androhungen von Austritten aus dem Geschichtsverein zeigten ihre Wirkung. Die Redaktion unserer Tageszeitung stellt in einem kurzen Artikel richtig, dass die Herausgeber der Historetten eigenständig arbeiten nicht Teil des Geschichtsvereins sind und der Vorstand des Geschichtsvereins nicht weisungsbefugt ist.
Wenn Du glaubst das wäre es dann gewesen, weit gefehlt. Du kennst doch die drei deutschen Schwestern - Sitte, Anstand, Denunziation - Richtig. Jetzt kocht sie schon mal die Volkseele, und was ist das beste Mittel des Denunzianten? Richtig, der anonyme Brief an den Arbeitgeber, damit dieser auch Bescheid weiß über diese bösen politischen Aktivitäten der/des bei im Beschäftigten,  der/die wenn auch nicht AutorIn des Artikels doch sicherlich mit diesem bekannt und das gehört betraft, ein bisschen Existenzvernichtung muss doch wohl noch möglich sein in diesem, unserem Land.
Ich weiß da steigt nicht nur Dir der Gestank und der Qualm von brennenden Scheiterhaufen in die Nase, der Geruch brennenden Fleisches. Es reichte ein Pickel an der falschen Stelle, zu schön oder zu hässlich zu sein, oder eine zu fette Ziege im Stall zu haben reichte schon um als Hexe verbrannt zu werden, nicht zu reden von den Kräuterweibern oder Hebammen deren Intelligenz ihrem anonymen Widerpart zur Denunziation anstachelte.
Genau, darüber solltet Ihr schreiben liebe Autoren. Es ist lange genug her, alle Beteiligten sind tot, so oder so. Ja das ist richtig historisch.
Du meinst ich würde ein bisschen dick auftragen, die Geschichte zu sehr bemühen. Na gut, lass uns in die jüngst Vergangenheit schauen. So lange ist das noch gar nicht her, das der gemeine Denunziant dafür sorgte, dass anders Gläubige, anders Denkende, anders Aussehende doch zumindest ihre Arbeit verlustig gingen, wenn nicht gleich die Freiheit, ihre Gesundheit oder ihr Leben verloren in den Folterkellern und KZ´s.
Nein, liebe Autoren, darüber kann man noch nicht schreiben, es könnte ja noch jemand von denen leben (zumindest wenn sie nicht die Opfer waren). Es ist zwar auch Geschichte, aber noch viel zu nahe.
Und beileibe nicht über aktuelle Themen, das wird ja erst noch Geschichte.

Man kann nur stauen was ein paar Zeilen Meinung, alles auslösen können. Was längst bewältigt schien, feiert wieder fröhliche Urstände. Der Schoß ist recht fruchtbar noch, aus dem einst der Schrecken kroch.

Aber ich will auch nicht zu Toll vom Leder ziehen. In den Reaktionen zu diesem Heft überwogen die lobenden Äußerungen zu einer gelungenen Zeitschrift. Auch Leser mit einer kritischen Haltung zu dem Artikel waren ansonsten zufrieden mit dem Heft.
Und da jeder Jeck anders ist, stellt es für die meisten keine Problem dar mit einer Zeitschrift zu Leben in der auch Meinung Raum gegeben wir.

Am Rande will ich noch einen Leserbrief in der nun häufig genug genannten Zeitung erwähnen, in denen die Autoren der privaten Bereicherung durch die Einnahmen an den Historetten beschuldigt wurden. Diese arme Seele!

Jetzt reicht es aber.
Ich grüße Deine Lieben. Lasst es Euch gut ergehen.

Peter

 

 

*Anmerkungen vom Autor: Ich schrieb diesen Brief im August 2009. Der Bürgermeister hieß noch nicht Franzen. Man wartete mit Spannung auf die Kommunalwahl und das Trio Infernale träumte (noch vereint) von einem großen Wahlerfolg ihrer Partei.
Heute wissen wir mehr.

 

 

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Zuletzt aktualisiert am Montag, den 05. April 2010 um 14:51 Uhr
 
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