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„Entrüstung“, schrie der Ritter und merkte nicht, dass er nackt im Wind stand.
Geschrieben von: Franz Felix Schüller   

Der Rückzug eines Bürgermeisters aus dem politischen Geschehen ist für eine historische Zeitschrift ein willkommener Anlass, eine kritische Bilanz der Arbeit zu ziehen. So erschien in den Historetten Nr. 4 die Glosse „Die Steigerung  von Nichts“ anlässlich des Abschieds von Josef Nüßer aus der hiesigen Kommunalpolitik. Es versteht sich von selbst, dass die Glosse, wie Thukydides es ausdrückt, „mehr als ein Schatz für immer denn als ein Prunkstück zum augenblicklichen Anhören“ (Thukydides I, 23) gedacht war. Der Großteil unserer Leser hatte mit dieser Glosse auch keinerlei Probleme, sei es, dass sie mit der Ansicht des Autors übereinstimmten, oder sei es, dass sie das demokratische Grundrecht auf freie Meinungsäußerung respektierten, auch wenn sie anderer Meinung waren.

Eine recht kleine Gruppe von Leuten nahm die Glosse zum Anlass, heftig gegen den Verfasser und/oder die Historetten zu polemisieren. Wer sind denn nun diese Leute, für die ein Menschenrecht (die Pressefreiheit) offensichtlich keinen Wert besitzt?

Der Psychologie Erich Fromm (1900 – 1981) hat sich mit diesem Menschentypus beschäftigt und nennt ihn den „autoritären Charakter“. Der „autoritäre Charakter“ hat Angst vor Menschenrechten und demokratischen Freiheiten, mit denen er nichts anzufangen weiß. Der autoritäre Charakter unterwirft sich lieber „Autoritäten“, in der Regel Amtspersonen, die die Staatsgewalt verkörpern oder die die Staatsmacht im Rücken haben. Der autoritäre Charakter verhält sich diesen Amtspersonen gegenüber extrem unterwürfig, er stellt das eigene Denken ein und übernimmt vorbehaltlos die Meinung seiner „Herren“. Der autoritäre Charakter ist ein überzeugter Untertan, seine Ideale sind Gehorsam gegenüber der Obrigkeit, sich selbst auferlegte Denkverbote und Unterordnung in die jeweiligen Machtstrukturen. Fromm vermutet einen stark ausgeprägten Minderwertigkeitskomplex als Ursache für diese Haltung. „Wenn man dem Herrn auf die Füße tritt, jaulen seine Stiefelknechte und Speichellecker betroffen auf“, heißt es in einem kurdischen Sprichwort. So kam es auch und so hörte es sich an:
„Ein solcher Beitrag gehört nicht in diese historische Zeitschrift.“ (Wer entscheidet das? Doch wohl die Menschen, die diese Zeitschrift machen und so auch verantworten. Oder wer sonst?)
„Der Geschichtsverein hätte diesen Beitrag verhindern müssen!“ (Warum eigentlich der Geschichtsverein? Wie soll das geschehen? Geht man zum Vorsitzenden und fragt man „Lieber Heinz-Theo! Ich habe hier eine Meinung. Darf ich die veröffentlichen oder ist eine andere Meinung angesagt?“ Soll das im Ernst so laufen?)
Ganz abgesehen davon, erscheinen die Historetten außerhalb des Geschichtsvereins. Im Jahre 2007 lehnte der damalige Vorstand des Geschichtsvereins die Gründung einer historischen Zeitschrift als „abwegig und nicht marktfähig“ ab. So war die Redaktionsgruppe gezwungen, die Historetten in Eigenregie und in Eigenfinanzierung herauszugeben, weil wir eben keine autoritären Charaktere sind, die sich einem Vorstand unterwerfen.
Die Pointe der autoritären Charaktere ist die Drohung, aus dem Geschichtsverein auszutreten. Das hat unfreiwillige Komik. Ich, der Verfasser dieser Zeilen, bin 2007 aus dem Geschichtsverein ausgetreten. Dass man aus Protest gegen meine Glosse nun „errötend meinen Spuren folgt“, ist doch die ironische Spitze. Diese laut und heftig vorgetragenen Proteste beweisen nur eins: Die autoritären Charaktere sind nicht gewohnt, selbständig zu denken. Sowas kommt raus, wenn man sonst das Denken anderen überlässt.
Und wie reagierte der Gescholtene selbst? Josef Nüßer äußerte in seiner Abschiedsrede, er sei auch „der Sache wegen diffamiert worden“. Im Zusammenhang meint „die Sache“ einen höheren moralischen oder ethischen Wert. Welchen Wert er meinte, vermochte Josef Nüßer nicht zu sagen.  (Wir übrigens auch nicht.)
Aber vielleicht ging den Gescholtenen  die scharfzügige Glosse auch gar nicht nahe. Vielleicht schwebte er aufgrund der sich entbrannten neuen Liebe auf Wolke 7 und war nicht bereit, sich auf ein irdisches Gewühl einzulassen?
Das Letzere sei ihm aufrichtig gegönnt. Und das ist nicht einfach so daher gesagt. Es ist ehrlich gemeint. Schließlich war der Verriss ein politischer und kein menschlicher.

 

An den Denunzianten, der den anonymen Brief schrieb:

Du armes Schwein! Nicht, dass du nur Nazi-Müll im Kopf hast, dazu bist du noch funktionaler Analphabet. Glaubst du im Ernst, anonyme Briefe in einem solch schlechten Deutsch könnten anderes als nur Gelächter hervorrufen? War denn keiner in deinem Club der Unverbesserlichen, der den Brief für dich hätte schreiben oder wenigstens die gröbsten Attentate auf die deutsche Sprache verhindern können?


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Zuletzt aktualisiert am Montag, den 05. April 2010 um 14:51 Uhr
 
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